Delikatessen - Von Monotonie und einer anderen Identität der City Süd

Delicatessen - Of Monotony and Another Identity for City Süd 


with A. Willmann and C. Tach, HafenCity University Hamburg, 2008


Standort

City Süd bezeichnet eine Geschäftsstadt nahe der Hamburger Innenstadt, mit günstigeren Mieten aber schlechterem Image: monofunktionale Bürobauten und überdurchschnittlich viel Verkehr, ein gewachsener Dienstleistungs-Standort. In 1.700 Firmen arbeiten 22.000 Angestellte, ihr Arbeitsalltag ist konventionell und meist pünktlich beendet. Nach Büroschluss sind die Strassen menschenleer. Es herrscht Stillstand.

Die City Süd wird umgeben von mauerartigen Transiträumen, täglich befahren von ca. 160.000 Kraftfahrzeugen. Das Gebiet liegt inselartig zwischen Deichtor, Berliner Tor und Elbbrücken. Die harten Grenzen des Dreiecks werden oft von mehreren, hintereinander gelagerten Elementen gebildet: Bahntrasse vor Hauptverkehrsstraße oder Bahntrasse vor Kanal vor Hauptverkehrsstraße.

Der Bereich der City Süd gehört zum Stadtteil Hammerbrook. Dessen bekannte Adressen sind der TÜV und der Autostrich und seit knapp 5 Jahren der Berliner Bogen, Vorzeige-Büroarchitektur Hamburgs. Ansonsten fährt jeder durch Hammerbrook, aber keiner fährt tatsächlich hin.

Entlang der Transitstrecken zerfällt das Gebiet strukturell in vier unterschiedliche Bereiche: der östliche Hammerbrook wird hauptsächlich von kleinteiligem Gewerbe besetzt und verbindet sich nahtlos mit den angrenzenden Stadtteilen. Das Gelände für den Grossmarkt bildet eine weitläufige Sonderzone mit einem eindrucksvollen Spannbetonbau für die Hallen und den notwendigen Zusatzbauten für Logistik und Verwaltung. Die City Süd liegt dazwischen, dominiert von Büroblock, Bürocenter und Investor. Münzviertel und Högerdamm, ein Miniwohnquartier und eine bewohnte Verkehrsinsel, liegen im nordwestlichen Randbereich des Gebiets, gegenüber Hauptbahnhof und Deichtor.
 

Blinder Fleck

Hamburg, dafür stehen St.Pauli, die Altstadt, Eimsbüttel, der Hafen – und seit einiger Zeit die Hafencity.
Diese Stadtteile prägen das Bild der Stadt, sie repräsentieren Vergnügen, Konsum, Wohnen, Wirtschaft und Fortschritt.
City Süd repräsentiert ausschließlich Büroalltag und Verkehr, die monofunktionale Ausrichtung ist identitätsstiftend: Innen IT, aussen Auto. Entsprechend einseitig und negativ ist die Wahrnehmung: kein Vergnügen, kein Konsum, kein Wohnen. Die bauliche Entwicklung geschieht pragmatisch und kaum öffentlichkeitswirksam.
City Süd gehört nicht oder zu wenig zum relevanten Alltag der Stadtbewohner und ist somit nicht Teil der sozialen Wirklichkeit.
Trotz unmittelbarer Nähe zur Innenstadt ist das Gebiet ein blinder Fleck in der Wahrnehmung Hamburgs.
Für die Menschen, die City Süd als Teil Hamburgs wahrnehmen und die sich dort aufhalten, existiert es zumindest während der Arbeitszeit. Die Räume neben der Büronutzung existieren in ihrer sozialen Wirklichkeit kaum. City Süd wird vom blinden Fleck Hamburgs zu einem Stadtteil mit dem blinden Fleck Zwischenraum.
Schöne Seltenheiten und ungeahnte Möglichkeiten bleiben verborgen und unentdeckt.


Leerstellen

Dauerhaft oder zeitweise existieren Lücken im Stadtgefüge als vergessene Orte, verborgene Räume. Lücken sind flüchtig, verschwinden unter der Benutzeroberfläche des Alltags, verschieben sich im Zyklus der Entwicklung, entstehen immer wieder neu. Sie fügen sich zwischen die Dichte umbauter Räume und bilden zusammengenommen eine Art zweite Ebene innerhalb von Stadt. Begriffen als tatsächliche Leerstelle bietet die Lücke einen füllbaren Raum, einen Ort, der eine Benutzung zulässt.

Im Gebiet der City Süd lagert ein ganzes Geflecht von Leerstellen zwischen den Schichten einer nach und nach entstandenen Stadtstruktur. Sie existieren als scheinbar funktionslose Nebenräume einer dort sehr ausgeprägten Monofunktionalität, spürbar verankert im Zusammenhang gewachsener Gegensätze. Als eine Art Niemandsland zwischen vergangener Nutzung und zukünftiger Planung. Zudem existieren Leerstellen als eine Art Niemandszeit zwischen Ende und Anfang einer bestehenden Nutzung.
Orte wechseln im Rhythmus der momentanen Programmierung zwischen benutzt und unbenutzt, aktiviert und deaktiviert, besetzt und frei.
Unsere Aufnahme fokussiert die verwobenen Leerstellen des Gebiets - die Nebenräume und die Nebenzeiten - als Orte anderer Identitäten, begriffen als eine alternative Möglichkeit von Stadt, die neben der übergeordneten Planung existieren kann.

Wir entwerfen Orte für eine andere Identität.
 

Landschaft

„Gebaute Umwelt in Form großer Städte zeigt alle Merkmale, wie wir sie bei natürlichen Landschaften feststellen: großflächig zusammenhängend, bis an den Horizont reichende Zonen. Strukturen ähnlicher Elemente, die eine besondere Eigenart entfalten, was ihr Erscheinungsbild als auch ihre Wirkungsweise betrifft. ... Der Mythos von natürlicher Landschaft als unserem eigentlichen Lebensraum wird also dort (Parkanlage) in besonderer Weise aufrecht erhalten, wo wir selbst unsere eigenen Räume schaffen konnten. Das gilt für die Stadt ebenso wie für den Arbeitsplatz und die Wohnung: natürliche Pflanzen sollen ‚humanisieren’, was Menschen geschaffen haben. ... Gebaute Umwelt übernimmt die Rolle des Lebensraumes, die natürliche Landschaft bisher hatte: die ‚ursprüngliche Natur’ fügt sich nur mehr als Bruchstück und Baustein in diese Umwelt“
(Lauritz Ortner, Haus-Rucker-Co, Kommentar zu Landschaftsbildern, entstanden 1972-1975)

Das Bild von Stadtraum als Landschaftsraum übertragen wir auf unseren Umgang mit dem Gebiet der City Süd. Wir verstehen dieses Bild in zweierlei Hinsicht metaphorisch: als eine Betrachtungsweise der bestehenden Situation und als entwurflichen Ansatz.

Den Außenraum der City Süd prägt das Nebeneinander funktional ausgerichteter Strassenräume und undefinierter Orte. Über eine zunächst angenommene Bedeutung als Landschaftsraum teilen sich die bestehenden Zusammenhänge und lassen sich gedanklich neu verbinden. Dabei verstehen wir Landschaftsraum als einen nutzungsoffenen Raum.

Die atmosphärische Präsenz der Leere prägt unsere Wahrnehmung des Gebiets. Die Leere ist ein ebenso gewachsener Raum wie derjenige des tatsächlich Umbauten. Sie trägt Spuren einer Entstehung, verknüpft sich mit den umgebenden Zusammenhängen und bestehenden Abhängigkeiten, lässt sich entdecken, inspiriert. Ähnlich einem Abbild von Natur bietet diese Leere als ungenutzter Raum eine Projektionsfläche für Sehnsüchte und Träume.

Wir entwerfen eine Landschaft für Entdecker.

 

Temporarität

„... Klassischer Weise formuliert Planung zuerst ein Ergebnis (ein Produkt), um im zweiten Schritt zu überlegen, wie dieses erreicht werden kann. Bei der Zwischennutzung wird dieses Verhältnis jedoch umgekehrt: es stellt sich zunächst die Frage, wie eine Entwicklungsdynamik entfaltet werden kann, ohne dass ein idealer Endzustand definiert wird. Planung begrenzt sich hierbei auf ein zeitlich befristetes Intervenieren, ohne die Gesamtentwicklung festzuschreiben. ...“
(Urban Catalyst, Open-source Urbanismus, archplus 183, Seite 84 – 91)

Durch die Öffnung von Räumen entstehen neue Verknüpfungen im Gebiet, mindestens sichtbar und relevant für die jeweiligen Nutzer. Neue Bewegungslinien kreuzen sich, durch die Aktivierung von Schnittstellen entsteht ein Netz, eine gemeinsame Identität, die sich aus vielen Einzelidentitäten zusammensetzt. Gleichzeitig oder wechselhaft öffnet sich an verschiedenen Orten im Gebiet eine neue Benutzbarkeit.

Rhythmus und Zyklus des Gebiets markieren temporär existierende Grenzen. Sie bedingen zunächst, wie flüchtig oder permanent der neue Zustand eines Ortes sein kann.
Temporär existierende Räume nutzen einmal oder wiederholt für einen bestimmten Zeitraum einen zur Verfügung stehenden Ort.
Sie nutzen entweder die Lücke zwischen ehemaliger und zukünftiger Bebauung und verschwinden, oder ziehen zur nächsten Lücke weiter. Schiebt sich die neue Nutzung immer wieder zwischen Ende und Anfang einer bereits bestehenden, bleibt sie in ihrer Flüchtigkeit permanent. An bereits funktionslosen Orten wird eine permanente Neu- oder Umnutzung möglich.

Es entstehen verschiedene Präsenzen von Orten und verschiedene Öffentlichkeiten von Nutzung. Als Ausdruck dauerhafter Veränderung, wechselhafter Belegung oder zur Verschärfung der Wahrnehmung des Raumes.

Wir entwerfen Präsenz für einen Moment.
 

Freiraum

„Die Aneignugsfähigkeit eines öffentlichen Raumes ist sicherlich am wenigsten eine Frage der Gestaltung. Sie entscheidet sich vielmehr an seinem Rand – an der vielfältigen Besetzbarkeit und sozialen Durchlässigkeit. Um das zu erreichen braucht es ... strukturelle Offenheit. Es ist ja eben das hohe Maß an Kontrolle, das Stadträume heute so hermetisch macht. Schon in der Planung versucht man, sie komplett zu denken, sie in den Griff zu kriegen. Insofern bietet das Unfertige, die Möglichkeit des Umbaus und der Umnutzung, eine wichtige Voraussetzung für Aneignungsfähigkeit.“
(ifau und Jesko Fezer im Interview mit Anne Boissel, Bauwelt 4/2008, Seite 22-27)

Ansatzpunkt der Arbeit ist die Wertschätzung der jetzigen Situation und der Wunsch, die nicht unmittelbar sichtbare Heterogenität dieser spezifischen Monotonie abzubilden.
Bezug bieten die jetzt vorhandenen Nebennutzer. Nahezu unscheinbar nisten sie abseits der eigentlichen Ausrichtung des Gebiets. Angler, Bootsfahrer, Diskogänger, Skater und Touristen, Motorradfahrer und Marktbesucher, Künstler, Musiker, Schüler, Bewohner und Obdachlose. Deren Aneignungen von Raum sind unabhängig von einer übergeordneten Planung entstanden. Eine Koexistenz mit der Hauptnutzung ist möglich, deren Monotonie lässt viele Freiräume wie der Status Quo zeigt.

Doch ein Verdrängungsprozess ist schon jetzt im Gange, die strukturelle Heterogenität des Gebiets verschwindet. Wir glauben, dass eine Kleinteiligkeit auf der Oberfläche des öffentlichen Raums im Gebiet notwendig und möglich ist. Mehr Beteiligte, mehr Reibung, mehr öffentlicher Raum im eigentlichen Sinne.

Uns interessiert der spezifische Umgang mit den verschiedenen Eigenarten und Orten und das Gestalten privater Situationen in einem öffentlichen Raum. Dieser kann sehr neutral sein, und deswegen alles zulassen, weil er für nichts so richtig bestimmt ist. Oder Minimalbenutzung anbieten, und somit Aktion begünstigen. Oder subjektiven Bedürfnissen ein „Zuhause“ geben und darüber eine direkte Bindung an einen bestimmten Ort erzeugen.

Im Umgang mit Wünschen und Bedürfnissen werden Orte Teil einer eigenen Identität und bieten darüber Anknüpfpunkte für eine Entwicklung von Stadt.

Wir entwerfen Inseln für den Alltag, Delikatessen für Geniesser.

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